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30.
Oktober 2008 / ÖJAB-Haus Niederösterreich 1
Meet Your Neighbours
Das Fest war ein gelungener
Versuch, das Heim für den Bezirk zu öffnen und erstmals als
einen Ort für Globales Lernen zu präsentieren. Die meisten
Bewohner/innen, die im ÖJAB-Haus NÖ 1 wohnen, kommen aus dem
Mostviertel. Bei der Gestaltung des Programms wurde ganz bewusst auf
heimatliche Kultur und Akteure zurückgegriffen sowie Kulturen und
Akteure einbezogen, die den 2. Bezirk, wo sich das Heim befindet, kennzeichnen.
Von den 450 Teilnehmern waren ca. 50 externe Personen aus dem Bezirk.
Insgesamt waren ca. 40 Personen an der inhaltlichen Vorbereitung beteiligt,
darunter auch die Mitglieder des Heimchores, der jiddische, türkische
und deutsche Lieder ausgewählt und präsentiert hat. Die Jüdische
Kultusgemeinde und der Aktionskreis Augarten haben das Fest unterstützt,
es war für die ÖJAB ein Veranstaltungshöhepunkt dieses
Jahres.
Fotos
Artikel aus "jung
& heimlich":
Meet your neighbours
– Fest der Kulturen
Ich kam als Fremder und ging als Freund
Es gibt da diese
umgangssprachliche Aussage „Beim Feiern kummen d’Leit z’samm“. Sie ist
zigfach, erfolgreich erprobt und hat eine lange, wenn nicht so gar eine
der Menschheitsgeschichte zugrundeliegende Tradition. Und so profan
sich jenes Sprichwort auf den ersten Blick anhören mag, bei genauerer
Betrachtung steckt tatsächlich viel anthropologische Wahrheit dahinter.
Man feiert, tanzt,
isst, trinkt, redet und lacht miteinander – und jede der facettenreichen
Komponenten eines gelungenen Festes - sei es die Musik, die Kulinarik
oder die Kommunikation - bietet somit jedem Gast die Möglichkeit,
seinen ganz persönlichen, sozialen Anknüpfungspunkt zu finden.
Besagte Anknüpfungspunkte bot das Fest der Kulturen ‚Meet your
neighbours’ am Donnerstag, den 30. Oktober 2008 zuhauf. Das ÖJAB-Haus
Niederösterreich 1 war der Gastgeber und erinnerte mit seiner in
Herbstlaubfarben gehaltenen Dekoration aus Zweigen, Kürbissen,
Blütenköpfen und internationalen Mini-Flaggen an eine einladende
‚Thanksgiving’- Tafel, zu der Familie, Freunde und Nachbarn willkommen
sind. In Kooperation mit dem nahegelegenen ÖJAB-Haus Niederösterreich
2 veranstalteten die Heimleiter Markus Gruber und Harald Pöckl
samt ihren emsigen und rastlosen Teams einen Event, der überwältigenden
Zustrom fand und wo sich sichtlich jeder der Anwesenden wohl fühlte.
Knapp 800 Gäste feierten wie selbstverständlich und zwanglos
eine kulturen- und generationenübergreifende Party, bei der Globales
Kennenlernen allgegenwärtig war. Und als ich dann einen zweijährigen
afro-österreichischen Jungen mit einer Türkin um die 55 zu
einer jüdischen Liveband tanzen sah, war’s, als ob das ‚Globale
Lernen neuer Generationen’ in personifizierter Form farbenfroh, lachend
und lautstark lebendig geworden wäre. Aus dem ‚Meet your neighbours’
wurde stellenweise ein ‚Embrace your neighbours’.
Damit die Kräfte fürs Tanzen, Singen, Diskutieren und Musizieren
nicht zur Neige gingen, sorgte ein reichhaltiges und ansprechendes Buffet
mit niederösterreichischen, jüdischen und türkischen
Spezialitäten und Schmankerln. Ich wage an dieser Stelle das kühne
Statement, dass Globales Lernen im gastronomischen Bereich schon seit
Jahrzehnten, nein seit Jahrhunderten ganz ohne Bildungsauftrag unbewusst
praktiziert wird. Wir trinken Merlot aus Frankreich und Bohnenkaffee
aus Brasilien, knabbern an Bananen aus der Karibik, essen einen indischen
Curryreis und ein Hühnchen Chop sui und selbst der eingefleischte
Hausmannskostfan hat Pizza und Hamburger in seine gängigen Essgewohnheiten
aufgenommen. Jeder, das sage ich jetzt mal, war schon mal ein lernender,
kulinarischer Globetrotter, auch wenn er das Land noch nie verlassen
hat.
Beim Fest der Kulturen Tische und Teller zu teilen, war mehr als eine
friedvolle, lernbegierige Geste: Wir bauten mithilfe eines gemeinsamen
Mahls eine persönliche Beziehung zu unserem Gegenüber auf.
Vertrautheit, Freundschaft oder sogar Intimität folgten im Idealfall.
In jedem Fall aber war das gerade noch Unbekannte nicht mehr fremd und
das Neue etwas schon Probiertes. Man kostet und weiß ziemlich
schnell, ob man es riechen kann, ob es einem schmeckt und ob es schließlich
ein wohliges Gefühl im Magen bereitet – im wörtlichen als
auch übertragenen Sinn.
Ähnlich verhielt es sich mit der musikalischen Unterhaltung des
Abends, die von den Konradsheimer Schuhplattlern, Grinberg & Friends,
Alp Bora und Quetsch’n & Teufelsgeigen gestaltet wurden. Der Chor
des ÖJAB-Hauses Niederösterreich 1 studierte je ein türkisches,
jüdisches und österreichisches Lied ein, der Auftritt war
ein voller Erfolg. Ob einem Gast ein Schuhplattler mit Akkordeonbegleitung,
eine jüdische Volksweise oder ein türkisches Liebeslied gefiel,
war Geschmackssache. Doch es ist eine unumstößliche Tatsache,
dass Melodien Völker verbindend sind. Rhythmik kennt keine Sprachbarrieren.
Und bei kurzer, näherer Betrachtung gelingt die Erkenntnis, dass
Musiknoten die einzige Sprache bzw. Schrift haben, die auf der ganzen
Welt gültig und verständlich ist. Das C-Dur klingt immer gleich,
ob es jetzt von einer Zither im Zillertal, einem Didgeridoo in Australien
oder einer Panflöte in Ecuador gespielt wird. Ein Ansatz, der bei
Thesen des Globalen Lernens nicht unterschätzt werden darf.
Was die dritte Komponente der anfangs angesprochenen, sozialen Anknüpfungspunkte
betrifft, da verhält es sich schon etwas differenzierter. Kommunikation
sei nun mal verballastig: Wenn ich mein gegenüber sprachlich nicht
verstehe, wird mir generell jegliches Verständnis schwerer fallen.
Weit gefehlt! Bei der zwischenmenschlichen Verständigung macht
das gesprochene Wort gerade mal 3% (!) der Kommunikation aus, während
sagenhafte 97% im nonverbalen Bereich passieren. Dies bedeutet, dass
es anstelle des Inhalts vielmehr darauf ankommt, WIE etwas ausgedrückt
wird. Gestik, Mimik, Tonfall, aber auch Husten, Räuspern und Klatschen,
ja sogar Schmuck und Kleidung spielen bei der Kommunikation eine überragende
Rolle. (Quelle)
Wenn mir, wie an diesem Abend, auf einem Fest die Hand gereicht wird,
man mir mit einem Lächeln begegnet und man mir zuwinkt, dann kann
ich im Normalfall davon ausgehen, dass mein Gegenüber, spricht
es auch türkisch, hebräisch oder thai, mir freundlich, offen
und respektvoll gesinnt ist.
Abseits von persönlichen Eindrücken und kurzen Denkansätzen,
zu denen ich inspiriert wurde, lässt sich zum Event ‚Meet your
neighbours’ ein Fazit sagen: Den Veranstaltern ist es eindrucksvoll
gelungen, die kulturelle und ethnische Vielfalt im 2. und 20. Bezirk
ins (ÖJAB-)Haus zu holen, um von- und miteinander global zu lernen.
Und dass an diesem Abend Globales Lernen nicht zwangsläufig mit
Studieren, Thesen und Theorien erarbeiten, Diagrammen erstellen oder
Zukunftsplänen skizzieren zu tun hatte, sondern das Kennenlernen,
die Empirie, das Beobachten und infolgedessen das Begreifen im Mittelpunkt
standen, ist nicht weniger wertvoll oder wichtig. Ganz im Gegenteil…
- Kerstin Klepsch
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